Notdienst Berlin e.V.

Gelebter Kinderschutz

Verfasst am 24.09.2012

Gelebter Kinderschutz

Der Notdienst Berlin e.V. hat das Thema Kinderschutz in der Berliner Suchthilfe seit Jahren vorangetrieben, was sich auch im Projekt OLGA wiederspiegelt. Den Schutz von Kindern, die sich nicht wehren können, haben wir uns groß auf die Fahne geschrieben und entsprechend klare Standards sowie Supervisions- und Fallbesprechungsmöglichkeiten für alle Mitarbeiter geschaffen. Das folgende Beispiel einer Klientin ist kein Einzelfall, sondern hat sich so und ähnlich mehrfach am Kurfürstenkiez abgespielt:

Aufgrund der teils sehr geringen Kenntnisse über den eigenen Körper und dem weiblichen Zyklus kommt es bei vielen osteuropäischen Sexarbeiterinnen sehr häufig zu ungewollten Schwangerschaften. So geschehen: Eine osteuropäische Klientin kommt ins OLGA und klagt über Kopfschmerzen. Eine Sprachmittlerin begleitet sie daraufhin in die medizinische Abteilung. Dort stellt die Krankenschwester fest, dass die Klientin im 5. Monat schwanger ist. Es ist nicht das erste Kind für die Klientin, jedoch hat sie die Symptome, die sie ja eigentlich kennen müsste, komplett verdrängt. Sie weigert sich trotz einfühlsamer Gesprächsangebote über das Thema zu sprechen und verlässt das OLGA. Sie ist bereits früher als schmerzmittelabhängig aufgefallen und hat deshalb und wegen der bestehenden Schwangerschaft kein Medikament erhalten.

An dieser Stelle zeigt sich schon die erste Schwierigkeit: Helfer mit wenig Berufserfahrung oder aber einem zu hohen Maß an Identifizierung wäre es jetzt wichtig „beliebt“ bei der Klientin zu bleiben. Uns ist es wichtig auf empathische Art und Weise „Klartext“ zu reden UND den Kontakt zu halten. Der Fall wurde zeitnah mit der Leitung besprochen und ein Kinderschutzbogen ausgefüllt. Bald erreichten uns weitere Gerüchte, es hieß, die Klientin wolle in ihr Heimatland fahren und das Kind illegal abtreiben, welches für ihre eigene Gesundheit ein hohes Risiko bedeutet hätte. Dazu eine Randbemerkung: Wir haben es in der medizinischen Abteilung im OLGA häufig mit den physischen Folgen der halb missglückten OPs der osteuropäischen Hinterhofabtreibestuben zu tun, die Frauen laufen mit heftigen Unterleibsblutungen ins OLGA herein. Andere Gerüchte bzw. beim Streetwork aufgeschnappte Sätze einer Sprachmittlerin besagten immer wieder, die Klientin wolle das Kind nach der Geburt töten oder es verkaufen. Natürlich haben wir sofort eng mit dem Jugendamt zusammengearbeitet. Die dortige Sozialarbeiterin suchte das OLGA auf; zusammen erarbeiteten wir eine Strategie um das Kind zu schützen und für die Klientin machbare Lösungsoptionen zu finden.

Die Klientin ließ sich weiter nur ungern von uns ansprechen, verdrängte die Schwangerschaft weiterhin, fuhr auch nicht zur Abtreibung. Nun ist es auch so, dass es hier viele Freier gibt, die viel Geld für Sex mit einer fortgeschritten Schwangeren zahlen. Auch dies motivierte die Klientin bestimmt, in Berlin zu bleiben. Immer wieder gingen wir freundlich und mit einfachen Worten auf die Klientin zu. Wir erklärten ihr mithilfe der Sprachmittlerin, dass sie das Kind in einem Krankenhaus bekommen kann, ohne ihren Namen zu nennen und auch, ohne das Kind mitnehmen zu müssen. Wir beschrieben ihr, was eine Babyklappe ist und machten ihr mithilfe der Sprachmittlerin einen einfachen Lageplan in ihrer Sprache. Schließlich kam es noch einmal zu einem Gespräch mit Krankenschwester und Sozialarbeiterin in der medizinischen Abteilung. Wir haben ihr nocheinmal gesagt, dass wir nicht wollen, dass dem Kind und ihr etwas passiert. Sie lächelte dann, es war als ob ein Schalter umgelegt wurde – und legte die Hand auf ihren Bauch. Sie hat dann alle Informationsblätter mitgenommen und sich erstmalig (!) bei uns sogar bedankt. Sie ist später tatsächlich in ein Krankenhaus gegangen und hat das Kind zur Adoption freigegeben!

Dieses aus unserer Sicht „Happy End“ zeigt, dass die Anwesenheit ausgebildeter, auf das Thema Kinderschutz umsichtig reagierender Sozialarbeiterinnen und Sprachmittlerinnen im Frauentreff OLGA elementar und lebensrettend ist!

 

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